Heut bin ich mal etwas später aufgestanden als sonst und die Morgendämmerug war schon voll im Gang. Von der Sonne war nix zu sehn, dafür hat's geschneit wie nur was. Die Amseln waren weniger singfreudig als sonst und der kalte Westwind hat mir ordentlich die Schneeflocken ins Gesicht geweht. Ich bin am Weg in Richtung meines persönlichen Platzes; etwas unentspannt und ein wenig unzufrieden...auf der Suche nach der Leidenschaft in mir. Gestern war sie doch noch da, die Klarheit. Heute wache ich auf und bin fast schon lethargisch...wofür das ganze. Sollte ich nicht lieber was produktives machen? Endlich tun? Etwas gedankenverloren fällt mir auf einmal wieder ein Satz ein "...walkin in a sacred manner means to touch the earth with every step as if walking on the faces of the unborn generations".
Ich bremse meine Geschwindigkeit radikal herunter und hebe meinen Blick wieder Richtung Horizont. Ich weite meine Sinne an den Rand meines Bewusstseins. Ich spüre auf einmal durch meine Schuhsohlen alle unebenheiten am Asphalt, jedes Steinchen. Als ob die Welt mit jedem Schritt mehr zu einer 5D Welt wird. Ich höre in der Ferne eine Krähe ihren tiefen, kehligen Luftalarm krächzen und weiß, sie ist auf Verfolgungsjagd mit einem Greifvogel. Im Augenwinkel sehe ich eine Amsel im Gebüsch, widerstehe dem Drang, sie anzustarren um sie nicht zu verunsichern. Ich sehe die
dunklen Wolken im NW und weiß, der Tag wird so bedeckt bleiben, rieche die feuchte, kalte Luft.
Der Wunsch nach Leidenschaft beginnt sich zu wandeln in eine Frage: Wo ist meine Leidenschaft hier, in diesem Moment? Ich spüre, wie tief in mir diese Frage auf ein Bewusstsein trifft und wie durch ein Portal bin ich mit wenigen Schritten im Zuhause angekommen. Plötzlich spüre ich, wie mich dieser Moment voll mit meinem Feuer verbindet. Wie die Energie in mir zu lodern beginnt und die Leidenschaft wie eine Welle in mir aufsteigt. Jetzt will ich sie ausdrücken, die Energie erlebbar machen. Ich berühre den Boden mit meinen Händen. Mehr Fragen tauchen auf: warum blüht die Vogelmiere hier noch nicht, weiter oben aber schon? Warum sind Hagebutten hier immer nur oben am Strauch? Wie verhalten sich die Amseln bei der Futtersuche im Schnee verglichen mit den letzten Tagen? Ich beginne mich langsam, aber umso bewusster, gleitend, drehend, in Zeitlupe tanzend über den Boden zu schieben. Ich spüre wieder, wofür mein Körper gemacht ist. Spüre die Vielfältigkeit, die Freude an der Bewegung. Die Kraft, die dabei entsteht. Meine Sinne erfüllen mich mit einem Wahrnehmungsfeuerwerk. Wie in einem Rausch fühle ich mich. Welche Bewegung kann das ausdrücken, wie kann ich mich bewegen um den Raum ausserhalb meiner Konditionierten Muster erlebbar zu machen? Ist die Erde unter den Moospolstern immer trockener als anderswo? Warum haben diese glatten Stämme weniger Flechten als die rauhen Stämme der Apfelbäume? Ich bin wach und präsent. Auch meine Sinne tanzen...etwas fängt meine Neugier aus dem grenzenlosen Raum an Möglichkeiten...nur um sich dann wieder einzufügen in den Kontext und eine weitere Ebene meiner Realität zu bilden. Immer echter und klarer werden die Reize, immer logischer die Zusammenhänge. Immer Organischer das Gefühl, dass sich irgendwas in meinem Gehirn gerade wieder neu verkabelt, reaktiviert und vernetzt wird.
Ich bin am Sitzplatz angekommen. Setze mich hin und trinke dieses Erlebnis Schluck für schluck in mich hinein. Ich Danke, so wie ich es aus meinem Inneren formuliere, so wie jeden Tag: Den Menschen. Der Erde. Dem Feuer. Dem Wasser. Den Pflanzen. Den Insekten. Den Tieren. Den Bäumen. Den Vögeln. Den Wolken. Den Winden. Der Sonne, Der Mondin, Den Sternen. Danke den Energien, die mich Inspirieren, den Kindern, den Dingen die unsere Neugier wecken. Spüre, wie meine wahre Stimme spricht, mit Worten, die inspiriert sind aus diesen tiefen, verbundenen Gefühlen in meiner Mitte. Ich versuche, Worte zu finden, die dieser Wahrheit in mir gerecht werden können. Ich genieße das Gefühl, das dieser Ausdruck hinterlässt. Ich komme an einem Ort tief in mir drinnen an, an dem kein Zweifel an dem Eins-Sein mit dieser Welt mehr besteht. An dem ich die grenzenlose Verbundenheit dieser Lebenskraft in uns allen spüren kann.
Und plötzlich bemerke ich, dass die Vögel aufgehört haben, sich zu fürchten. Eine Amsel fliegt direkt auf mich zu um eineinhalb Armlängen vor mir abzubiegen und 2 Meter neben mir zu landen. Kurze zeit später raschelt es neben mir im Gebüsch...plötzlich fliegt eine Kohlmeise direkt neben mir aus dem Gebüsch und landet gegenüber auf einem niedrigen Zweig um an einer Kirschblüte zu zupfen.
Ich erlebe Synchronizität zwischen den Ereignissen immer häufiger: ...formuliere meine Leidenschaft und finde die Leidenschaft in anderen Menschen. Erzähle Nino Geschichten von Säugetieren im Gebüsch und plötzlich springt ein Eichhörnchen vor uns übers Gras. Suche Kontakt und verbindung zur Wildnis und ein Fuchs beisst mir in die Zehe. Frage mich warum mir ständig Nussbäume bewusst werden und erfahre im Nachhinein, dass diese für Leidenschaft stehen. Ich beginne zu verstehen, dass das, was ich früher für Zufälle hielt, tatsächlich nur ein fehlendes Wahrnehmen von Zusammenhängen ist. Dass die Realität ständig wachsen kann, dass mein Körper und mein Verstand in tiefer Verbindung mit diesem Lebensraum stehen. Dass mein Potenzial, glücklich und erfüllt zu sein durch meine Fähigkeit des Ausdrucks und der Wahrnehmung plötzlich zu einer Frage der Entscheidung werden.
Jetzt weiß ich wieder, wo ich zuhause bin. Wo der Sinn meines Lebens sich ständig versteckt hält. Wo ich die Antworten auf meine Fragen und den Platz in dieser Welt finde und mein tief in mir liegendes Potenzial darauf wartet, erlebt zu werden.
Warum? Weil ich wieder begonnen habe, Fragen zu stellen.
Ich werd morgen wohl früher aufstehen...
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