Earth Day

Legende vom Indianerstamm der Miwok (aus Effis Tiergeschichtenbuch):

Nachdem der Kojote mit der Erschaffung der Welt und der Tiere fertig war, berief er eine Tierversammlung ein, um die Erschaffung des Menschen zu besprechen. Sie setzten sich auf einer Waldlichtung im Kreis nieder; der Löwe war Vorsitzender.
  Zur Rechten des Löwen saß der Grizzlybär, neben diesem der Braunbär. Und so ging es im Kreise herum, jedes Tier hatte seinen Platz entsprechend seiner Größe und Wildheit, bis die kleine Maus zur Linken des Löwen zu sitzen kam und der Kreis geschlossen war.
  Der Löwe sprach als erster. Er sagte, er wolle den Menschen mit einer mächtigen Stimme erschaffen, damit sich alle Tiere vor ihm fürchten sollten. Auch sollte der Mensch ganz mit Haaren bedeckt sein, schreckliche Zähne in seinen Kiefern und starke Krallen an seinen Füßen haben.
  Als nächster kam der Grizzlybär an die Reihe zu sprechen. Er meinte, es wäre töricht, dem Menschen eine Löwenstimme zu geben, weil diese alle Tiere, die der Mensch zu fangen wünsche, verjagen würde. Der alte Grizzly schlug vor, ein Mensch solle sehr stark sein und sich ohne Lärm, aber doch sehr flink bewegen können und im Stande sein, seine Beute lautlos zu ergreifen.
  Dann sprach der große Hirsch. Er behauptete, ein Mensch würde närrisch aussehen, wenn er nicht ein prächtiges Geweih
auf seinem Kopf hätte, um damit zu kämpfen. Er stimmte mit dem Bären überein, dass es lächerlich wäre, den Menschen mit einer Brüllstimme auszustatten. Wenn er ihn zu erschaffen hätte, würde er seiner Stimme weniger Wichtigkeit beimessen, aber seinen Augen und Ohren besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Er würde ihm Ohren geben, so fein wie ein Spinnennetz, und Augen wie Feuer.
  Das Bergschaf sagte, es sehe nicht ein, was für einen Sinn es haben könnte, ein Geweih zu tragen, das sich nach allen Seiten verzweigt. Es würde im Gebüsch immer hängenbleiben. Wenn der Mensch hübsche Hörner hätte, wären diese wie Steine zu beiden Seiten des Kopfes und würden diesen Stark machen, sodass er eine viel härtere Zielscheibe böte.
  Als die Reihe zu sprechen an dem Kojoten war, stellte er fest, dass er soeben den dümmsten Reden gelauscht habe, die er jemals gehört hatte. Er erklärte, es habe ihn Mühe gekostet, wach zu bleiben und einem Pack von Eseln und Trotteln zuzuhören. Ha! Jedes der Tiere wünschte den Menschen genau nach dem eigenen Vorbild zu schaffen! Es wäre ebenso klug, einfach eines von ihren Jungen zu nehmen und es Mensch zu nennen. Der Kojote fuhr fort: er wisse wohl, dass er nicht das beste Tier sei, das geschaffen wurde, und er wäre sicher imstande, ein Wesen zu schaffen, das besser als er selbst oder irgendein anderes Tier wäre. Selbstverständlich müsste der Mensch gleich ihm vier Beine, fünf Finger und verschiedenes anderes haben. Er könne gewiss auch eine Stimme wie der Löwe haben, nur dürfte er nicht immerzu brüllen.
  Hier machte der Kojote eine Pause. Er räusperte sich und blickte im Kreis herum, um zu sehen, wie die anderen Tiere seine Rede aufnahmen. Sie alle runzelten die Stirn.
  Der Kojote beeilte sich zu sagen, dass er auch dem Grizzly ein paar Vorteile zugestehen müsse. Einer sei die Form seiner Füße, die das Stehen auf zwei Beinen ermögliche. Er meinte, dass die Füße des Menschen jenen des Grizzlybären sehr ähnlich sein müssten.
  Der Grizzly sei glücklich zu preisen, fuhr der Kojote fort, dass er keinen Schwanz habe. Er wisse aus Erfahrung, dass ein Schwanz für nichts anderes tauge, als den Flöhen ein Nest zu bieten.
Jetzt runzelten die Tiere ihre Stirnen noch stärker als zuvor, und der Kojote beeilte sich, weiterzusprechen. Er sagte, die Augen und Ohren des Hirsches seien wirklich gut; er würde sie gerne dem Menschen geben.
  In diesem Augenblick begann der Fisch auf den Kojoten zu glotzen, er öffnete bereits den Mund, um zu reden, aber der Kojote sprach weiter. Er sagte, er beneide den Fisch um seine Nacktheit, denn das Fell mache im Sommer so schrecklich warm. Deshalb würde er den Menschen ohne Behaarung erschaffen. Er würde ihm auch Adlerklauen geben, damit er mit ihnen alles festhalten könnte. Und schließlich - so sagte er - müssten ihm wohl alle Tiere zugestehen, dass kein anderes Tier so klug und schlau wie er selbst sei, und diesen besten Teil von sich würde er gerne auch dem Menschen zukommen lassen.
  Als der Kojote zu reden aufgehört hatte, sagte der Biber, er habe in seinem ganzen Leben noch nie einen solchen Unsinn und solches Geschwätz gehört. Wie, ohne Schwanz! Nein sowas! Er selber würde den Menschen mit einem breiten, flachen Schwanz ausstatten, damit er Schlamm und Sand schleppen könne.
  Die Eule erklärte erregt, alle Tiere schienen den Verstand verloren zu haben. Keines von ihnen wollte dem Menschen Flügel geben! Sie könne nicht begreifen, was der Mensch auf der Welt anfangen soll, wenn er keine Flügel hätte.
  Der Maulwurf fand es wiederum verrückt, über Flügel zu sprechen. Wenn der Mensch Flügel hätte, würde er bestimmt einmal mit seinem Kopf gegen den Himmel stoßen! Und nebenbei: hätte er beides, Flügel und Augen, würde er sich die Augen verbrennen, wenn er zu nahe an die Sonne flöge! Ohne Augen aber könne er in der kühlen, weichen Erde wühlen und glücklich sein.
  Zu allerletzt quietschte die Maus, sie würde dem Menschen selbstverständlich Augen geben, damit er sehen könne, was er esse. Was das wühlen in der Erde beträfe - welches Geschöpf mit Verstand würde sowas freiwillig tun wollen, wenn es sich nicht vor anderen verstecken müsste?
  Die Tiere waren untereinander uneinig, und die Versammlung endete im Streit. Der Kojote flog den Biber an, und zwickte ihm ein Stück aus dem Schwanz. Die Eule sprang auf den Kopf des Kojoten und riss ihm die Haare aus. Das war ein Geraufe und Gerangel!
  Später als sie sich etwas beruhigt hatten, machte sich jedes Tier alleine an die Arbeit, um aus einem Klumpen Erde den Menschen zu erschaffen, der ihm selber ähnlich war. Aber der Kojote schlich sich davon und begann heimlich einen Menschen zu modellieren, wie er ihn selbst beschrieben hatte.
  Es war mittlerweile so spät geworden, dass es Nacht wurde, bevor sie fertig waren, und nach und nach wurden alle müde und schliefen ein. Aber der schlaue Kojote blieb wach und arbeitete die ganze Nacht wie besessen an seinem Modell. Während die anderen Tiere tief und fest schliefen, schüttete er Wasser über alle anderen Modelle und zerstörte sie.
  Früh am Morgen, mit den ersten Sonnenstrahlen, war der Kojote mit seinem Menschen fertig und gab ihm das Leben. So geschah es, dass der Mensch vom Präriewolf erschaffen wurde.

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