Die Schönheit der Schattenseite


Am 23.Mai komme ich um etwa 9 Uhr morgens von einem Ausflug nach Odessa zurück in Drohobytsch an. Bevor ich bei dem Haus ankomme, in dem ich wohne, bemerke ich nur ca 15 Meter vom Eingang des Hauses entfernt eine Krähe. Sie sitzt auf einer ca 30cm hohen Mauer die einem Zaun als Fundament dient. Sie ist zerzaust, schmutzig, zittert und macht einen sehr schwachen Eindruck.
Ich knie mich zu ihr hinunter und frage mich was ihr wohl fehlt. Sie sieht mich an, ich sehe sie an, sie blinzelt aber bewegt sich nicht weg.
Ich nehme meine Wasserflasche raus um sie davon trinken zu lassen. Ich knie mich direkt vor ihr hin und rede ihr ruhig zu und versuche ihr mit meinen Gedanken und meiner Ruhe zu vermitteln dass ich es gut mir ihr meine. Als ich langsam etwas Wasser vor ihrem Schnabel ausschütte versteht sie schnell und trinkt davon, so gut sie kann. Ich schütte ihr vorsichtig etwas Wasser in den Schnabel den
sie mir geöffnet hin hält. Sie schließt ihren Schnabel, hebt den Kopf und schluckt, so ging es ein paar Mal. Da das aber mit dem Reinschütten nicht immer so gut funktionierte schüttete ich mir Wasser in meine Hand und lies sie davon trinken. Passanten gehen vorbei. Manche bemerken nichts manche belächeln was sie sehen. Ein Kellner aus dem Restaurant unter meiner Wohnung kam kurz raus, beobachtete mich und bedauerte dass es der Krähe offensichtlich gar nicht gut geht und versucht mir das, auf Grund der fehlenden Englischkenntnisse, sowie meines kaum existenten Ukrainisch, mit Handzeichen verständlich zu machen, dann geht er wieder seiner Arbeit nach.
Als meine Wasserflasche lehr war lief ich in das Restaurant um sie aufzufüllen und um nach einer Scheibe Brot zu fragen. Der Kellner versteht sofort und gibt mir schnell und hilfsbereit was ich ich will. Zurück bei der Krähe die jetzt unter einem Fuchsbäumchen sitzt. Ich biete ihr ein kleines Stück Brot an, trocken und dann in Wasser getränkt doch beides lehnte sich eindeutig ab. Ich gebe ich noch etwas Wasser aber selbst davon trank sie nicht mehr so energisch. Sanft streichle ich ihr über den Kopf. Sie taumelt hin und her, kann sich kaum aufrecht halten und kippt immer wieder um.
Etwas verzweifelt stehe ich auf und frage sie wie ich ihr helfen könne oder was ich machen soll..
Ich halte inne, schaue sie an und warte... Ein paar Sekunden später fühle ich mich auf eimal, immer stärker werdend tief berührt und fühle riesige Dankbarkeit - ein Gefühl welches sagt, „Danke, dass du mich siehst und dich in meinen letzten Momenten um mich sorgst. Es gibt nichts mehr für mich zu tun.". Daraufhin taumelt sie ein paar Zentimeter weiter hinter das Fuchsbäumchen. Stark emotional aufgewühlt stehe ich noch einen Moment dort bevor ich in die Wohnung gehe, wo ich versuche Gedanken, Gefühle und Emotionen einzuordnen... Ob ich das glauben soll was in mir abgeht...? Es ist keiner da der oder die mir sagt was ich glauben soll und was nicht....wahrscheinlich auch besser so. Als ich etwas später wieder komme liegt sie tot unter dem Bäumchen. Erfüllt von großer Dankbarkeit und Ehre dafür, sie auf ihrem letzten Weg noch begleitet haben zu dürfen stehe ich noch etwas neben ihr... Am frühen Abend begrabe ich sie im naheliegenden Park.

Nach dem ich einer Freundin von meinem Erlebnis geschrieben habe reflektiere ich noch einmal mein Erlebnis, speziell das so starke und klare Gefühl von Dankbarkeit statt Trauer welches ich eher erwartet hätte.
Kurz nach dem ich ihr davon geschrieben habe antwortet sie und schreibt dass sie die Geschichte sehr berühre. Vor allem weil sie gerade im selben Moment an einem Textbook für ihren Englischunterricht geschrieben hat in dem es gerade um den Tod ging und das Zitat Death is beautiful when seen to be a law, and not an accident – it is as common as life.“ von Henry David Thoreau eingefügt hat.

Einen Tag später, nach einem langen Gespräch mit einem sehr guten Freund der weiß die richtigen Fragen zu stellen und mich durch diese Fragen dort hinzuführen wo ich selbst auf meine Erkenntnis treffen kann, bin ich um vieles reicher.
Es verleiht mir eine neue Perspektive, einen neuen Blickwinkel und im Endeffekt eine neue Fähigkeit das wohl schwierigste Thema im Lebenszyklus zu akzeptieren.


Es lässt mich mit dem Tod Frieden schließen.   

1 Kommentar:

  1. Wir hatten im Garten jahrelang eine zerrupfte Nebelkrähe, die kam jeden Tag Nüsse schnorren. Irgendwann kam auch ein Weibchen mit. Ihr Nest hatten sie in einer Tanne gegenüber. Voriges Jahr wurde der Baum geköpft. Seit heuer kommen 2 andere.
    Ich hab mir schon oft gedacht, warum man fast nie tote oder kranke Vögel sieht. Und heute, einen Tag nach deiner Geschichte, seh' ich eine Krähe am Rand vom Radlweg sitzen...sie schaut nicht mehr gut aus, hängt ziemlich schief da. Ich bleib stehen und geh langsam näher. Mit jedem Schritt kommen auch einige weiter oben sitzende Krähen näher, und drohen mir mit ihren spitzen Schnäbeln, hacken wie wild auf Fensterbrettern und Ästen herum. Ich überleg noch ein paar Minuten, ob und wie ich die verletzte Krähe weiter ins Gebüsch bringen kann, ohne von den anderen attackiert zu werden. Hab mich dann innerlich von dem Vogel verabschiedet und bin wehmütig weiter gefahren - immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich sehr gerne doch noch irgendwas für den Vogel getan hätte.
    Am Nachhauseweg 6 Stunden später fahre ich nochmal bei der Stelle vorbei. Ich entdecke die Krähe etwas weiter im Gestrüpp - jemand hat ihr anscheinend etwas zu fressen hingestellt. Sie steht wieder auf 2 Beinen, bewegt sich aber nicht. Ich überlege, wo wohl die anderen geblieben sind und will näher gehen - da krieg ich schon wieder einen Anschiss aus der Luft, "schleich dich, du hast da nix verloren!" - 3 Krähen sind anscheinend die ganze Zeit über ständig in Sichtweite der flugunfähigen geblieben!!

    In Memoriam der Krähen hab ich mal nach Verhaltensstudien von Rabenvögeln gesucht:

    >>Auch bei in Gefangenschaft großgezogenen Krähen, die diese Fähigkeit also nicht von Artgenossen abgeschaut haben können, konnte beobachtet werden, dass sie Werkzeuge wie z.B. Häken aus Draht formen, um an Beute zu gelangen (C. Bird et al, Cambridge, 2009)

    >>Buschhäher konnten in die Zukunft planen, indem sie jeden Morgen für eine bestimmte Zeit in einem von 2 Räumen, entweder mit Frühstück oder ohne Frühstück, eingesperrt wurden. Am Nachmittag hatten sie freien Zugang zu beiden Räumen - und versteckten Nahrung im Raum ohne Frühstück für den nächsten Morgen (N, Clayton et al, Cambridge, 2007)

    >>Ein Mensch mit Maske fing Krähen zum markieren ein und entließ sie anschließend wieder. 5 Jahre später wurde von der gesamten Krähenpopulation - also auch von Tieren, die keinen direkten Kontakt mit ihm hatten - als der Krähenfänger mit der Maske identifiziert. (J.Marzluff, Washington, 2011)

    >>Raben können einschätzen, wie viel ihre potentielle Konkurrenz weiß, und plünderten z.B. von Forschern angelegte Futterverstecke eher, bei denen Sie davon ausgingen, dass beim Blickwinkel der anderen Vögel diese auch den Versteckvorgang beobachten konnten. (T.Bugnyar, Wien, 2010)

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